Individuelle Massenfertigung, Fernwartung und mehr Chancen für neue Geschäftsmodelle in der Produktion

Von Tobias Thielen, Wirtschaftsingenieur und Experte für Industrie 4.0-Geschäftsmodelle im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Kaiserslautern

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© Tobias-Thielen, Smart Factory/Arnoldi Design

Vor nicht allzu langer Zeit ruhte der Fokus bei allen Fragen zu den Chancen der digital vernetzten und intelligenten Produktion ("Industrie 4.0") allein auf der Möglichkeit, individuelle Produkte trotz Massenfertigung in der Intelligenten Fabrik herzustellen ("Losgröße 1"). Für kleine und mittlere Betriebe des produzierenden Gewerbes birgt die Digitalisierung der Wirtschaft jedoch weitere Chancen für neue Geschäftsmodelle.

Von Fernwartung bis Vermietung: Welche Chancen entstehen
Wird zum Beispiel in der Intelligenten Fabrik die Produktion per App gesteuert und überwacht, kann sich ein Betrieb freie Kapazitäten anzeigen lassen - und dieses brachliegende Potenzial für sich nutzen. Dazu kann es etwa seine freien Anlagenkapazitäten an andere Unternehmen vermieten, die gerade zusätzlichen Bedarf haben. Leerlauf wird so in Gewinn umgemünzt. Einer der größten Trends für neue Geschäftsmodelle sind außerdem webbasierte Plattformen: Erst sie schaffen die wichtige Verbindung zwischen Anbietern auf der einen Seite und Kunden oder Partnerunternehmen auf der anderen Seite. So hat das Unternehmen eMachine-Shop etwa eine individuelle Massenfertigung mechanischer Bauteile realisiert. Über seine Onlineplattform kann jeder selbst mechanische Komponenten entwerfen und sich liefern lassen. Um wirklich jeden Wunsch zu erfüllen, arbeitet das Unternehmen eng mit Zulieferbetrieben zusammen. Durch das Angebot kann grundsätzlich jeder Zulieferer werden. Es ebnet damit jedem Akteur den Weg auf den Markt.

Neue Dienstleistungen: von Beratung bis Qualifizierung
Industrie 4.0 bietet zudem Möglichkeiten für neue Serviceangebote. Durch die Steuerung via App werden Fern- oder Präventivwartung zu neuen Betätigungsfeldern für Betriebe, die sich als Dienstleistung anbieten lassen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beratung. Denn mit den technischen Neuerungen gehen viele Fragen zu den Technologien selbst, aber auch zu den rechtlichen Aspekten und zur IT-Sicherheit einher. Daran knüpft ein weiteres Feld für neue Geschäftsmodelle an: Schon heute zeichnet sich ein wachsender Bedarf an Qualifizierungsangeboten ab. Denn mit dem technologischen Wandel der Produktion ändern sich auch die Anforderungen an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Erfahrene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssen künftig regelmäßig für die neuen Anwendungen geschult werden und die Ausbildungskonzepte für den Nachwuchs an den technologischen Fortschritt angepasst werden. In der Folge sollten sich Geschäftsmodelle lohnen, die sich mit Qualifizierungsangeboten wie Webinaren, Workshops oder Vor-Ort-Schulungen in Stellung bringen. Daneben steckt natürlich der Datensektor selbst voll Potenzial. Das Sammeln, Speichern und Verkaufen von Daten ist längst zu einem eigenen Markt geworden, eine Trendwende ist nicht zu erwarten. Um einen wirklichen Mehrwert aus den Datenbeständen zu ziehen, braucht es Analyse- und Interpretationsverfahren.

Ob ein solches Data-Mining, die Vermietung von Produktionskapazitäten oder Qualifizierungsangebote: Das digitale Zeitalter bringt sowohl für die Produktion als auch für den Dienstleistungssektor enorme Potenziale mit sich, die viel Freiraum für innovative Geschäftsideen bieten und weit über den einfachen Einsatz digitaler Technik hinausgehen.

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