Wie die Digitalisierung das produzierende Gewerbe verändert

Dr. Franz Büllingen, Leiter der Begleitforschung Mittelstand-Digital

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Deutschland hat eine stabile industrielle Basis. Sie garantiert Wachstum, Jobs und Wohlstand. Der digitale Wandel wird jedoch auch diesen Sektor verändern - ob Fertigung, Montage und Logistik oder die Gestaltung der Arbeitsplätze. Zugleich entstehen Chancen - auch für kleine und mittlere Unternehmen. Viele von ihnen fragen sich, wie die Digitalisierung genau die Produktion verändern wird und ob es wirklich nötig ist, zu handeln. Schließlich haben sie schon einige Modernisierungszyklen, deren Ziele stets schlankere Prozesse und eine automatisierte Fertigung waren, mitgemacht. Doch zwei Faktoren heben die Digitalisierung von den vorangegangenen Umbrüchen ab.

Mehr Tempo, mehr Chancen: Das ist bei der Digitalisierung anders
Global agierende Unternehmen, schnelllebige Absatzmärkte, kürzere Produktzyklen und der Wunsch nach individuellen Produkten: Diese Merkmale prägen den Wandel der Märkte, der die Produktion unter Anpassungsdruck setzt. Unternehmen müssen in der Lage sein, schneller zu (re-)agieren - etwa mit kürzeren Durchlaufzeiten und variantenreicheren Serien. Zugleich eröffnet die Digitalisierung den Firmen neue Möglichkeiten.

Vernetzt man Maschinen und ihre Umwelt über Sensoren und das Internet, kann aus den Datenmengen nützliches Wissen für die Produktion gewonnen werden. Die Fertigungsprozesse werden nicht nur automatisiert und flexibel, sondern auch effizienter. So sparen Unternehmen Zeit und Kosten und können einfacher individuelle Produkte nach Kundenwunsch herstellen. Doch zu welchen Veränderungen kommt es, wenn Betriebe diese Vorteile nutzen wollen?

Prozesse: flexibler und komplexer
Schlank und gut zu kontrollieren: Das war das Mantra für viele Prozesse, die entsprechend starr gestaltet sind. Doch wer Kleinserien oder individuelle Produkte automatisiert und rentabel fertigen will, muss mehr Flexibilität wagen. Damit steigt wiederum die Komplexität der Arbeitsabläufe, etwa durch eine wachsende Anzahl von Zulieferern, kleinere Produktionseinheiten und verschiedene Zeitfenster für die Produktion. Doch auch hierbei helfen digitale Technologien wie smarte Software. Sie sorgen dafür, dass alle Einzelprozesse reibungslos zusammenwirken.

Arbeitsorganisation: mehr Macht für die Produktion
Flexible Prozesse werden am besten dezentral gesteuert. Das hat Folgen für die Arbeitsorganisation: Anstelle der Leitung treffen künftig eher die Produktionsarbeiter in der Fertigung die Entscheidungen, sogar zur Produktentwicklung. Die Prozessverantwortung kehrt an den Ort der Wertschöpfung zurück. Die Mitarbeiter übernehmen mehr Verantwortung.

Damit das klappt, müssen sie für die neuen Aufgaben und Technologien qualifiziert werden. Flexible Prozesse erfordern flexibles Personal. Wie viele Mitarbeiter in der Produktion benötigt werden, lässt sich nicht mehr so weit im Voraus planen, wodurch die Arbeitszeit deutlich flexibler wird. Dafür können Mitarbeiter die Maschinen via Tablet von einem beliebigen Ort aus steuern, so dass gleichzeitig neue Freiräume entstehen. Der digitale Wandel braucht also auch soziale Innovationen.

Sicherheit: für alles gewappnet
Normen, Standards und IT-Sicherheit sind Schlagworte, die zur digitalen Produktion durch den Raum schwirren. Etliche Standards gibt es bereits, sie werden kontinuierlich erweitert und ergänzt. Großer Handlungsbedarf besteht vor allem bei der Sicherheit. Vernetzte Produktionssysteme tauschen mit vielen Akteuren intensiv Daten und Information aus, etwa beim Steuern von ganzen Anlagenkomplexen per Tablet. Das schafft Chancen, aber auch Angriffsfläche. Um sich vor Cyber-Angriffen zu schützen, sollten Firmen auf Basis einer Risiko- und Bedarfsanalyse umfassende Schutzmechanismen etablieren.

Innovationen: lern- und handlungsbereit sein
Je ausgereifter die Technologie, umso weniger innovativ. Mehr denn je müssen Unternehmen vorausschauend durch strategische Marktbeobachtung auf künftige Entwicklungen reagieren: Auch kleine und mittlere Unternehmen müssen entscheiden, welche Innovationen Potenzial haben, um schon vor dem Durchbruch auf diese zu setzen. Mangels Kapazitäten und Ressourcen im Mittelstand sind hier Multiplikatoren wie die Kammern oder die Verbände, aber auch das Angebot von Mittelstand-Digital wichtiger denn je.

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