Kleine Betriebe - gemeinsam wettbewerbsfähig dank digitaler Plattformen

Dr. Mauricio Matthesius vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Ilmenau

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© Michael Reichel (ari), Maximilian Richter

Zu groß der Auftrag oder zu speziell der Kundenwunsch: Kleine Betriebe müssen mangels Fertigungskapazitäten oder -Know-how häufig Aufträge ablehnen. Nutzen sie digitale Plattformen zur Kooperation, können sie mehr Schlagkraft im Wettbewerb entfalten. Wie das geht, erklärt Dr. Mauricio Matthesius vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Ilmenau im Interview.

Herr Dr. Matthesius, wieso sollten sich kleine Betriebe vernetzen?
Kleine und mittlere Unternehmen sollten sich stärker vernetzen, weil der Wettbewerbsdruck zunimmt. Zum einen ändern sich die Ansprüche der Kunden, die individuelle Produkte fordern. Zum anderen beschleunigen sich die Märkte: Nicht selten haben kleine Produktionsbetriebe das Nachsehen gegenüber größeren Unternehmen, weil ihnen das Know-how zur Fertigung individueller Produkte oder die Kapazitäten für einen Großauftrag fehlen. Um weiter Aufträge an Land zu ziehen, können Sie entweder viel Geld in die Hand nehmen und Ihre Kapazitäten aufrüsten - und dabei hoffen, dass die Auftragslage so bleibt. Oder Sie setzen auf Kooperationen mit anderen kleinen Betrieben. Dadurch können Sie ihre Kapazitäten erweitern, ihr Angebotsportfolio ergänzen und ihre Marktposition stärken, während Sie flexibel bleiben. Digitale Technologien ermöglichen diese Zusammenarbeit, wir sprechen von kooperativer Wertschöpfung.

Wie helfen digitale Technologien konkret?
Eine Gruppe von Thüringer Unternehmern entwickelt derzeit mit unserer Hilfe eine digitale Plattform für kleine Maschinenbaubetriebe, über die sie einander freie Anlagenkapazitäten vermieten können. Ein Beispiel: Ein Betrieb bekommt einen Großauftrag angeboten. Beim Blick auf seine Produktionskapazitäten stellt er fest: Den Liefertermin kann er nicht halten, ihm fehlen 500 Maschinenstunden. Über die Plattform informiert er seine Partner über seinen Bedarf, die ihm wiederum ihre freien Anlagenkapazitäten bereitstellen können. Früher hätte der Betrieb den Auftrag ablehnen müssen, heute kann er ihn annehmen. Zudem profitieren auch die Partnerbetriebe im Netzwerk. Gleiches gilt auch für ausgefallene Produktwünsche: Hier können Kooperationen das eigene Angebot erweitern. Insgesamt stärkt die Plattform mit ihrer Möglichkeit der Zusammenarbeit also alle kleinen Unternehmen. Zudem können Sie wegen der kürzeren Durchlaufzeiten schneller produzieren und auch noch Kosten senken, da sie nicht in den Ausbau ihres Maschinenparks investieren müssen. Unser Kompetenzzentrum hat einen anschaulichen Demonstrator als Beispiel für eine solche digitale Plattform entwickelt, der diese kooperative Wertschöpfung, für Betriebe greifbar macht. Wir unterstützen zudem Betriebe dabei, derartige Plattformen für ihren Bedarf umzusetzen und nutzbar zu machen.

Um diese Vorteile zu nutzen, müssen Betriebe Daten austauschen. Wie sicher muss die Plattform sein?
Über die Plattform tauschen die Betriebe etwa Daten zu Kapazitäten, Aufträgen und Verträgen aus. Die Datensicherheit hat deswegen höchste Priorität bei der Plattform-Konzeption. Statt einer zentralen Lösung bei einem Anbieter, ist die Nutzung eines dezentralen Plattform-Konzepts vorzuziehen. Dieses Konzept basiert auf der sogenannten Blockchain-Technologie. Mit ihr können wir sicherstellen, dass jede Firma die Hoheit über ihre Daten wahrt. Außerdem können nur diejenigen Betriebe miteinander kooperieren, die einer Vernetzung zugestimmt haben.

Neben der Datensicherheit: Was muss man noch beachten?
Vor allem drei Punkte sind in der Konzeption entscheidend: Erstens ist die Vertragssicherheit essentiell. Zweitens bringen Kooperationsplattformen nichts, wenn niemand sie nutzt. Wir achten daher darauf, dass sie auch für Laien intutitiv zu bedienen, bestenfalls via Smartphone zu erreichen und somit alltagstauglich sind. Drittens werden die Mitarbeiter geschult - nicht nur zum Umgang mit der Plattformsoftware, sondern auch, um ein Umdenken durch den Einsatz der Plattform zu erzeugen: weg vom Konkurrenzdenken, hin zum Verständnis dafür, dass alle profitieren, wenn Betriebe zusammenarbeiten.

Wie ließen sich die Plattformen weiterentwicklen?
Die erwähnte Plattform ist auf den Maschinenbau ausgelegt, aber als Werkzeug ist sie auch für andere Branchen geeignet. Aktuell befinden sich weitere Plattformen in der Entstehung. Auf lange Sicht könnte man Plattformen verschiedener Branchen verbinden und so kleine Betriebe aus ganz unterschiedlichen Wirtschaftszweigen miteinander vernetzen. Das bietet ein enormes Kooperations- und Wachstumspotenzial.

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